Birgit Bachmann – Flugobjekte


Eröffnungsmatinee am Freitag dem 26. März 2021, 14:00 – 19:00 Uhr

MMag. Julia Schuster: Zur Ausstellung Birgit Bachmann “Flugobjekte” .

Dankbar und voller Bewunderung blicke ich auf gut zwei Jahrzehnte meiner Bekanntschaft mit Birgit Bachmann zurück, die ich als Mensch und als Künstlerin gleichermaßen schätze. Auch wenn sie sich selbst als eine „schwere“ Persönlichkeit bezeichnet, so sind es doch viele Momente, die ich als leicht und besonders in Erinnerung habe, in denen sie mich großzügig an ihrem Kunstschaffen Anteil nehmen ließ und offene Worte dazu fand. Heute präsentiert sich Birgit Bachmann in der Wohnzimmergalerie SIX mit neuen Zeichnungen und ist leichter, geheimnisvoller, luftiger und befreiter denn je. Das Zeichnen hat einen besonderen Platz in Birgits Werk – es bietet eine zweite Dimension, eine Art meditativer Gefühlsebene – in die Zeichnung kann sie sich fallen lassen, ganz abtauchen und das Gefühl für Raum und Zeit verlieren – die viele nicht gemessene Zeit, die nur ihr gehört, die sie ganz der Konzentration, dem sanften Kratzen der Buntstifte und der Bearbeitung des feinen, fragilen Transparentpapiers widmet.

Die Zeichnung. Die „Mutter aller Künste“. Es gibt wohl kaum eine Kunstform, mit der sich mehr Menschen identifizieren können, kaum eine demokratischere und zugleich vielseitigere als die Zeichnung. Sie erschließt sich vielfach nicht auf den ersten Blick und fordert die Betrachterin, sie kann spontan hingeworden, skizzierend, dynamisch sein, oder detailliert-fotorealistisch. Eines ist die Zeichnung aber immer: zutiefst persönlich. Sie bewahrt eine Intimität, sie ist privat und zurückhaltend, ohne jedoch passiv oder leise zu sein.

Formal betrachtet könnten die kleinen, hier präsentierten Arbeiten von Birgit Bachmann auch Meisterwerke der ornithologischen Zeichnung sein. Sie erinnern auf den ersten Blick an die lange Tradition der Zeichnung als Instrument der naturkundlichen Forschung. Auf frühen Forschungsreisen war immer auch ein Zeichner mit von der Partie, Alexander Humboldt skizzierte selbst detailreich Pflanzen, Tiere und Landschaften (die im Übrigen erst vor sechs Jahren in einem 800 Seiten starken Prachtband mit dem Titel „Humboldt. Das grafische Werk“ veröffentlicht wurden) und auch die exakten Zeichnungen von Insekten und Pflanzen, die Maria Sybilla Merian in Surinam anfertigte, dienten Generationen von Forschern bis hin zu Carl von Linné als Studiengrundlage – heute wird Merian als selbständige Frau, Forscherin und Künstlerin gleichermaßen bewundert.

Birgit Bachmanns Vögel – allesamt heimische Arten – sind nur vermeintlich paarweise gezeichnet. Sie sind tot, und werden von einem Schatten begleitet, einem ausgeblichenen Ebenbild in Schwarz-Weiß, scheinbar unvollendet. Bei diesen quasi gespiegelten, akribischen Naturdarstellungen in Schwarz-Weiß kann ich nicht umhin, an das berühmte Zitat von Erasmus von Rotterdam zu denken, der über das Werk Albrecht Dürers sagte: „Was drückt er nicht alles im Einfärbigen aus?“

Wenn Birgit Bachmann uns auf den neuen Arbeiten detailgetreue Vögel präsentiert, so rührt dies aus einer Erfahrung, die die Künstlerin im letzten Frühling machte: Durch die massive Einschränkung der menschlichen Bewegung, des Flugverkehrs, des Motorenlärms entfiel mit einem Schlag der „Tinnitus des Alltags“ und Birgit Bachmann nahm erstmals seit frühester Kindheit wieder bewusst die Geräusche der Natur wahr – sie hörte wieder mit den „Ohren der Kindheit“ und nie zuvor war ihr der Gesang der Vögel ohrenbetäubender erschienen. Dieses Sich-Bemerkbar-Machen der Natur löste in der Künstlerin emotionale Gedanken aus, über das stille Sterben der Arten, das leise Verschwinden von Lebewesen, Tieren wie Menschen, ohne dass es von uns bemerkt wird.

Der Traum von Fliegen ist wohl so alt wie die Menschheit selbst, in der griechischen Mythologie konstruiert Daedalus Flügel. Sei Sohn Ikarus steigt mit diesem Flugobjekt Marke Eigenbau erfolgreich in die Lüfte, letztlich jedoch zu hoch und zu nahe an die Sonne. Vor gut 500 Jahren widmet sich das Universalgenie Leonardo da Vinci in Italien neben der Malerei und Architektur seinen Erfindungen in nahezu allen Lebensbereichen – von der menschlichen Anatomie über hydraulische Maschinen und Entwässerungssysteme bis hin zu militärischen Erfindungen spannt sich der Bogen seines Erfindungsgeistes. Und auch da Vinci verfolgt ihn: Den Traum vom Fliegen. Er beobachtet den Flug der Vögel und zeichnet Flugapparate mit Luftschrauben, Fallschirme, Flughilfen, die Vogelflügeln nachempfunden sind. In all seinen Entwürfen zeigt sich, wie grenzenlos frei Leonardo da Vinci in seiner Vorstellungskraft und seiner Fantasie und vor allem, wie weit er seiner Zeit voraus ist.

Birgit Bachmann präsentiert ihre neuen Arbeiten unter dem Titel „Flugobjekte“. Aus der Wahl dieses Ausstellungstitels und aus den Arbeiten spricht eine tiefe Bewunderung für da Vincis Vermächtnis, auch wenn sie mit ganz anderer Intention geschaffen wurden. Es sind merkwürdige Gebilde, die vielleicht ihrem Namen nicht ganz gerecht werden – sie wirken nicht so, als ob sie real flugtauglich wären. Es sind fantastische Konstrukte, bei denen beim genaueren Hinsehen einzelne Bestandteile auszumachen sind, Flügel, Schiffe, Seile. Birgit Bachmann hat an diesen Zeichnungen im Lauf des vergangenen Jahres gearbeitet hat, es sind Zeichnungen, die mit und aus der ungewöhnlichen neuen Situation heraus entstanden sind. Der plötzliche Rückzug ins Private, der Verlust von Nähe, eine neue Art von Abgrenzung und damit verbunden vor allem eines: Stille.

Diese ungewöhnliche Stille, die für einige Zeit das Leben bestimmte, die Entschleunigung und den Abstand erachtet Birgit Bachmann für sich persönlich als vorrangig positiv. Sie erkennt diese ungewöhnliche Erfahrung als eine Chance, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden und dadurch ein Mehr an persönlichem Freiraum zu entdecken. In all den Einschränkungen schafft eine Abgrenzung auch einen persönlichen Rückzugsort für die eigenen Gedanken. Und dennoch: Wir spüren es mittlerweile wohl alle, die Sehnsucht nach dem Reisen, das Fernweh, das bedrückende Gefühl, das uns beschleicht, wenn wir an die geschlossenen Grenzen

denken. Mit der starken Abgrenzung geht leider auch eine massive Ausgrenzung Hand in Hand und aus Birgits Bildern spricht neben aller Freiheit und Lust am Denken und Fantasieren zugleich auch eine düstere Mahnung, dass an Europas Grenzen unter den unwürdigsten Bedingungen hilfesuchende Menschen ein Dasein fristen, die von denselben Träumen geleitet wurden und wie wir alle nach einem persönlichen Freiraum und Freiheit für Körper und Gedanken streben.

In ihrer gedeckten Couleur, in warmen Braun- und Grautönen, wirken die „Flugobjekte“ wie aus einer anderen Zeit, vergilbt, von der Zeit gezeichnet. Die Zeichnungen sind mit weichen Buntstiften auf fragilem, semi-transparenten Papier gearbeitet, das einen äußerst vorsichtigen Umgang abverlangt und keine unachtsame Handhabung und keine kratzig-harten Stifte verzeihen würde. Die fantastischen Flugobjekte sind Schiffe, die ihre Flügel ausbreiten, Segel und Rotorblätter, verspannt und zusammengehalten von Seilen. Aus ihnen spricht die Sehnsucht nach der Weite, einem Aufbruch, von Freiheit und Unbeschwertheit.

Die Zeichnungen haben einen fragmentarischen Charakter, sie weisen bewusst Leerstellen auf, an denen der Bildträger, das hauchdünne Transparentpapier, sichtbar bleibt. Die Gedanken wandern frei über die Bildfläche, die Betrachterin hat Platz in diesen Arbeiten, den „Flugobjekten“ – und auch das ist Birgit Bachmann wichtig. Es sind die Arbeiten einer fantastischen Zeichnerin, die sich die Geduld und Fähigkeit bewahrt hat, geistig zu „fliegen“. Vielen Dank, liebe Birgit, dass du uns auf diese Reise mit nimmst!

Die Künstlerin ist anwesend.
Unter den aktuellen Covid-19 Bestimmungen
Ausstellung bis 17.05.2021

http://www.birgitbachmann.at/